Vor der Grippesaison: Brandenburg startet Kampagne gegen Impfmüdigkeit

Von Rüdiger Braun

Umfrage weist auf stark nachlassende Impfbereitschaft bei Jüngeren hin. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg wirbt für die Standard-Immunisierungen

Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller (BSW) lässt sich am Dienstag gegen Influenza impfen.
Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller (BSW) lässt sich am Dienstag gegen Influenza impfen.
Foto: Rüdiger Braun

Potsdam. Mit der Grippeimpfung von Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller (BSW) in der Praxis der Potsdamer Allgemeinärztin Marion Kurzweil startete am Dienstag die Kampagne des Gesundheitsministeriums und der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) für mehr Schutzimpfungen.

Die Impfraten in Brandenburg sind im Falle der Influenza mit gut 52 Prozent bei Älteren zwar deutlich höher als im Bundesdurchschnitt mit 38 Prozent, sie nahmen aber in den vergangenen Jahren deutlich ab.

Im Winter 2009/10 hatten noch gut 68 Prozent der über 60-jährigen Brandenburgerinnen und Brandenburger eine Grippeschutzimpfung, in der Saison 2023/24 waren es dann nur noch 52 Prozent.

Der Rückgang ist eine bundesweite Entwicklung. Eine aktuelle Erhebung des Instituts Civey stellt fest, dass bei den 18- bis 29-Jährigen die Impfbereitschaft innerhalb eines Jahres um fast zehn Prozentpunkte zurückgegangen ist. Knapp 64 Prozent der Befragten in dieser Altersgruppe bewerteten den Nutzen von Impfungen positiv. Ein Jahr zuvor waren es noch knapp 72 Prozent gewesen, heißt es in der Umfrage im Auftrag des Verbands Pharma Deutschland, über die zuerst die Berliner Morgenpost berichtete.

„Die Impfbereitschaft ist ein Problem“, räumt Müller ein. „Im Juli hatten wir die Idee, dieser Entwicklung entgegenzuwirken“, so Müller. Bei einem Runden Tisch von Ärztevertretern und Politikern in Potsdam war die Impfkampagne beschlossen worden.

Die KVBB will landesweit mit 8000 Plakaten, unter anderem in Arztpraxen, aber auch auf Social Media, über die Vorteile von Schutzimpfungen informieren.

Gesundheitsministerin Müller führt die aktuelle Impfskepsis auch auf die Gemengelage während und nach der Corona-Pandemie zurück. Die vielen Impfungen während der Pandemie hätten zu einer Impfmüdigkeit geführt. „Viele haben Corona auch als Zwangsimpfung empfunden“, so Müller. In diesem Zusammenhang betonte die Ministerin: „Impfen ist eine persönliche Entscheidung.“

Um das Wissen über Impfungen und deren Wirkung zu steigern, sollte Gesundheit, so Müller, unbedingt auch Teil der Schulbildung schon ab dem Grundschulalter werden.

Die Potsdamer Allgemeinmedizinerin Kurzweil verweist auf ein Paradox: Gerade der Erfolg von Impfungen könne zu einem schwindenden Bewusstsein führen. „Die Patienten wissen oft gar nicht: Was sind das für Krankheiten, gegen die man sich impfen lassen kann?“ Die Gefahr von Tetanus kenne heute kaum einer mehr.

Die KVBB-Vorsitzende Catrin Steiniger weist auf die Bedeutung des Arzt-Patienten-Verhältnisses hin. „Man muss dem Patienten die Wirkung des Immunsystems erklären“, sagte die Ärztin. Aus eigener Erfahrung wisse sie: „Aufklärung ist machbar.“

Auch ein neuer Faktor mache sich bemerkbar: Desinformationskampagnen auf Social Media. Dort werde oft dazu aufgefordert, sich nicht impfen zu lassen, erläuterte Steiniger. Auch hier wolle man gegensteuern.

Hingewiesen werden soll auch wieder vermehrt darauf, dass Impfungen wie die Dreifachimpfung gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten rund alle zehn Jahre aufgefrischt werden müssen.

Auch will die Kampagne auf neuere Impfungen aufmerksam machen. Zum Beispiel werde die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV) immer noch unterschätzt. Die Viren können Krebs, insbesondere in der Genitalregion, verursachen.

In Brandenburg seien 77 Prozent der Mädchen und 42,6 Prozent der Jungen gegen die Viren geschützt, teilt das Gesundheitsministerium Brandenburg mit. Die Ständige Impfkommission empfiehlt, dass alle Kinder ab neun Jahren gegen die Viren geimpft werden sollten.

Von Rüdiger Braun